Angst und Autismus

 

Angst wird oft beschrieben im Zusammenhang mit 'Autismus' - und neueste Studien legen nahe, dass Angst ein gemeinsames Merkmal bei den sog. 'Autismus-Spektrum-Störungen' ist.

 

Und hier spielt wohl die 'Amygdala', der 'Mandelkern', eine entscheidende Rolle.

 

Quelle:

The Journal of Neuroscience - 14.07.2004

 

-> Siehe Wunderwerk Mensch - Amygdala

 

 

Aussagen von "Menschen im Autismus-Spektrum" zum Thema "Angst"

 

 

 

 

 

                          "ein richtiger einsamer rastet aus wenn er angst wie ich erlebt ..."

                                                                                                    Birger Sellin 

 

 

 

 

Axel Brauns - "Buntschatten und Fledermäuse"

 

Axel Brauns schreibt, wie Aufregung 'seine Sinne quetscht', wie sich seine Arme und Beine versteifen, wie er verloren am Rand steht - unter allen anderen Kindern - und versucht, in seiner 'Vereisung' Halt zu finden ...

 

Gunilla Gerland - "Ein richtiger Mensch sein. Autismus - das Leben von der anderen Seite"

 

Was ihre Umgebung oft als "Wut" ausgelegt und gedeutet hat, war für Gunilla Angst, starke 'Panik'. Ihre Umgebung konnte oft keine Ursache dafür entdecken - manchmal trat ihre Panik auch erst zeitlich verzögert, sehr viel später auf, weil ihr erst in diesem Moment Zusammenhänge klar wurden.

 

Sie war oft verzweifelt, traurig oder voller Angst - und die Menschen um sie herum konnten keinen Anlass dafür sehen.

 

Eine 'totale Verweigerung' war bei ihr der Ausdruck 'reiner Angst' ...

 

Temple Grandin - "Ich bin die Anthropologin auf dem Mars"

 

Temple Grandin schreibt in ihrem Buch, dass sie v. a. ab ihrer 'Pubertät' ständig in Angst und Anspannung war - sie die Angst ohne Grund 'verfolgte'. Wenn ihre Angst dann verging, hatte sie Colitisanfälle oder starke Kopfschmerzen. Sie beschreibt sich selbst als ein 'furchtsames Tier', bei dem jede Kleinigkeit eine Angstreaktion auslöste.  Je älter sie wurde, umso schlimmer wurden ihre Angstattacken ...

 

"Mittlerweile weiß ich, dass sich mein Nervensystem aufgrund des Autismus in einem Zustand maßlos übertriebener Wachsamkeit befand. Jede geringfügige Störung konnte eine intensive Angstreaktion auslösen."

 

Und auch sie sieht ihre 'Wutausbrüche ihrer Kindheit' als Ausdruck einer 'Überlastung ihrer Schaltkreise'- und dadurch ausgelöste 'Explosionen'. Und diese 'Wut' als ein Reagieren auf das, was man sieht. Und auf etwas, womit ein 'Autist' nicht umgehen kann - was ein Autist 'nicht gutheißen kann': Im Falle von Temple Grandin v. a. das Mißhandeln von Tieren ...

 

Evtl. Forschungsgelder würde sie gerne dazu verwenden, um herauszufinden, was die 'sensorischen Schwierigkeiten' bei autistischen Menschen hervorruft - wobei sie aber nicht der Meinung ist, dass diese Schwierigkeiten den 'Kern' des Autismus ausmachen.  

 

Schlimm findet sie, dass autistische Menschen - besonders die am 'High-functioning-Ende' immer ängstlicher werden, je älter sie werden - auch trotz Medikamenteneinnahme. Sie wünschte sich, dass man hier helfen könnte, ohne diese Menschen 'mit Drogen und Medikamenten zu Tode zu dopen'.

(-> Siehe auch: 'Zum Weiterlesen - Interview mit Tony Attwood am 09.12.1999')

 

Will Hadcroft - "The Feeling's Unmutual - Growing Up with Asperger Syndrome (Undiagnosed)

 

Oft 'friert' sein Gehirn ein - und er kann dann nicht mehr denken. Das macht ihn sehr ängstlich und besorgt. Und je mehr er sich aber darüber sorgt, umso schlimmer wird es. Er nennt diese Momente dann immer 'Asperger-Momente' ...

 

Jasmine Lee O'Neill - "Through the Eyes of Aliens - A Book About Autistic People"

 

Sie zeigt auf, dass ein sensorischer Reiz zu Panik oder auch zu grosser Wut führen kann bei einem autistischen Kind, auch bei autistischen Erwachsenen. Es gibt immer einen Grund, den man suchen müsse, auch wenn er sich vielleicht nicht einfach finden lässt. Und dieses Verhalten habe aber auf alle Fälle nichts zu tun mit 'Wahnvorstellungen'.

 

Ein Kind kann vor Dingen Angst haben, vor denen man selbst keine Angst hat - z. B. vor bestimmten Farben.

 

Angst überhaupt als solche zu erkennen, sei sehr, sehr wichtig: Weil man 'Angst' nicht durch noch mehr 'Angst' korrigieren könne. Und wenn ein Kind gerade grosse Angst erlebt, könne es sein, dass es anfängt, sich zu schlagen und zu beissen: Durch das Schlagen ins Gesicht könne es die Aussenwelt und die emotionale Verletzung, die es gerade erlebt, 'ausblenden'. Und der körperliche Schmerz setzt im Gehirn Dopamin frei, ein natürliches Beruhigungsmittel.

 

Für Kinder, die nicht sprechen, sei eine 'Kommunikations-Tafel' eine grosse Hilfe. Sie können dadurch zeigen, was sie möchten - und das hilft ihnen bei ihrer Angst und auch, um sich gut zu fühlen ...

 

Christine Preißmann - "Psychotherapie bei Menschen mit Asperger-Syndrom. Aus der Sicht der Betroffenen"

 

Sie wünscht sich soziale Situationen mit 'weniger Angst', da sich Schwierigkeiten in angstbesetzten Situationen mehr zeigen, als in 'Wohlfühlsituationen'.

 

Auch sie wird oft ungehalten, wenn sie es nicht schafft, sich so auszudrücken, wie sie es gerne haben möchte. Sie bekommt Angst, und diese Angst macht alles noch schlimmer. Für sie ist es sehr hilfreich, sich dann für evtl. 'Wiederholungsfälle' Sätze zurechtzulegen.

 

Sie erlebt viele Ängste und Traurigkeiten. Aber auch grosse Freue über viele kleine Dinge ...

 

Dawn Prince-Hughes - "Heute singe ich mein Leben"

 

Wenn sie nicht weiß, was sie tun soll, wenn eine Situation sie 'überfordert', so steigt Panik in ihr auf. Und sie spürt dann immer das 'allzu vertraute Gefühl', wie ihre Sinne sich nach und nach 'abschalten' ...

 

Susanne Schäfer - "Sterne, Äpfel und rundes Glas - Mein Leben mit Autismus"

 

Autisten hätten oft Angst, fühlen sich nicht sicher oder nehmen 'Chaos' wahr, wo andere dies nicht nachvollziehen können. Auch sie wünscht sich, dass man bei einem Kind nachforscht, was ihm Angst macht oder gemacht haben könnte. Ob vielleicht ein Ritual gestört wurde oder es zu einem  Missverständnis kam, weil Mimik, Körpersprache oder das, was gesagt wurde, nicht richtig verstanden wurde ...

 

Birger Sellin - "ich will kein inmich mehr sein"

 

Sein Schreien ist für ihn Ausdruck seiner Angst, von der er nicht weiss, wie er anders mit ihr umgehen kann, sie 'loswerden', sie sich 'aus der Seele reissen' kann. Er nimmt seine Angst wahr als 'symbiotische Klette', geradezu als 'Angst-Sucht', die in schwierigen Situationen so schlimm für ihn wird, dass er es ncht aushält - und sie ihn zerstört ...

 

Liane H. Willey - "Pretending to be Normal - Living with Asperger's Syndrome"

 

In Gesprächen wird sie meist sehr unruhig und ängstlich, weil sie sich sich immer sehr viele Gedanken dazu, darüber macht: Über das, was sie jetzt gerade gesagt hat und über das, was andere gesagt haben. Und ob und wie das zusammenpasst. Und was wohl als nächstes gesagt werden wird, von ihr, von anderen. Ob sie jetzt noch etwas sagen muss usw., usw. Oft ändern sich während eines Gespräches auch die 'Regeln'. Und all dies bringe sie üblicherweise an ihre Grenzen ...

 

Wenn sie sich verirrt, gerät sie in totale Panik - mit Schweissausbrüchen, Herzrasen usw.

 

Freunde helfen ihr, weniger ängstlich zu sein, wenn sie sie z. B. schützen durch ein Wort oder einen Blick, wenn sie jemand verurteilen oder beurteilen möchte, weil sie gerade etwas gesagt oder getan hat. Wenn sie spürt, dass Menschen sie positiv sehen, an sie glauben, so ist sie weniger ängstlich, kann sich selbst 'kompetent' fühlen - und dies sei sehr wichtig für die eigene 'Selbstachtung'.

 

Donna Williams - "Somebody somewhere - Breaking free from the world of Autism"

 

Donna Williams schreibt, dass sie - nach 25 Jahren des Fragens darüber, welch 'dumme, verrückte und gestörte Person' sie doch sei - auf ein Wort gestoßen ist, das ihr geholfen hat ...

Ihr dabei geholfen hat, ihr 'ihre Welt' zu erklären - und dieses Wort war das Wort "Autismus" ...

 

-> Siehe auch: Zum Nachdenken - Angst-Aussagen

 

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